Distanz e.V. begleitet junge Menschen in Einzel- und Gruppentrainings dabei, sich von menschenfeindlichen und gewaltbefürwortenden Haltungen zu distanzieren. Durch jugendkulturelle, mediale und historische Interessen werden Lebensweltzugänge geschaffen und die Selbstwirksamkeit junger Menschen gestärkt. Das Distanzierungstraining ist eine Intensivpädagogische Maßnahme, die durchschnittlich 1 Jahr andauert und die konstruktive Zukunftsgestaltung des jungen Menschen im Blick hat.

Ziele des Distanzierungstrainings
- Distanzierung von Menschenverachtung
- Reflexion menschenfeindlicher Einstellungen
- Thematisierung diskriminierender Haltungen
- Entwicklung menschenrechtsorientierter Perspektiven
- Reduktion von Gewalt
- Bewusstmachen der Folgen aller Formen von Gewalt
- Entwicklung gewaltfreier Konfliktlösungsstrategien
- Selbstwert und Reflexion
- Förderung von Empathie und Perspektivwechsel
- Stärkung der Selbstreflexion und Ambiguitätstoleranz
- Sinnstiftende Lebensperspektiven
- Unterstützung bei der Zukunftsplanung und Freizeitgestaltung
- Entwicklung alternativer Lebensentwürfe abseits menschenverachtender Ideologien
Umsetzung
Das Training ist aufsuchend und flexibel gestaltet, um die jungen Menschen in ihrer Lebenswelt niedrigschwellig zu erreichen. Durch Kooperationen mit Schulen aller Formate, Jugendämtern, Institutionen der Jugend(sozial)arbeit/ freien Jugendhilfe gelingt ein beziehungsorientierter Zugang. Für jeden Fall werden individuelle Ansprachestrategien mit den betreuenden Fachkräften besprochen. Diese werden im Prozess und im Rahmen geltenden Datenschutzes an den Ergebnissen aus den Trainings beteiligt.

Die Methodik des Trainings – der BRAKE-Ansatz
B (Beziehung): Im Rahmen der Distanzierungstrainings versuchen wir, zu den Klient*innen eine pädagogische Beziehung zu etablieren. Eine tragfähige pädagogische Beziehung ist die Basis für jedes Training und bildet die Basis, um zu intervenieren. Nur in einer vertrauensvollen Beziehung werden die Teilnehmenden sich öffnen und damit Kritik reflektieren.
R (Reflexion): Ziel ist es, bei den Klient*innen Reflexionsprozesse anzuregen. Sie sollen dazu bewegt werden, sich selbst kritisch zu hinterfragen, Einsichten zu gewinnen und neue selbstgesteckte Ziele anzustreben. Diese Verfahrensweise trägt wesentlich zur Distanzierung von tieferliegenden menschenverachtenden Einstellungen bei.
A (Aufsuchend): Der aufsuchende Aspekt ist von besonderer Bedeutung und prägt unsere Arbeit im gesamten Prozess. Grundlegend für unsere Herangehensweise ist, dass wir nicht ein Angebot bereitstellen, dass lediglich abgerufen werden kann, sondern, dass wir aktiv auf Klient*innen in spe zugehen. Das bedeutet konkret, dass die Arbeit nicht mit einer Distanzierungsmotivation beginnt, sondern Einstellungen von außen problematisiert werden. Dies erfordert eine enge Kooperation mit sensibilisierten Fachkräften im Alltag einstiegsgefährdeter junger Menschen.
K (Kritik): Nicht zuletzt braucht es auch deutliche Kritik an den Ideologiefragmenten, Generalisierungen und Vorurteilen. Diese Kritik stellt die Beziehung jedoch nicht in Frage, sondern kann sie sogar stärken. In manchen Fällen wird sie auch dem jugendlichen Reibungsbedürfnis der Teilnehmenden gerecht und erzeugt damit Neugier an einer neuen Perspektive auf ein Thema. Mit Hilfe einer kritischen Haltung wird bewusst die Beziehungsebene genutzt, um zu vermitteln, dass einige Eigenschaften an der Person geschätzt werden. Bestimmte politischen Einstellungen wiederum werden problematisiert und/oder abgelehnt.
E (Entwicklung): Bei den Teilnehmenden wird im Trainingsverlauf ein Entwicklungsprozess in Gang gesetzt, der eine weitere extrem rechte Sozialisation verhindern soll und möglichst neue Perspektiven für ein respektvolles Miteinander eröffnet. Distanzierungsprozesse sind schlussendlich als Transformationsprozesse der Identitätsbildung zu begreifen. Dies beinhaltet ein Menschenbild, das es allen zugesteht, sich zu verändern. Diesen Transformationsprozess wollen wir mit dem aufsuchenden BRAKE-Ansatz aktiv gestalten.

Ein Einblick in unsere Distanzierungstrainings
Praxisbeispiel aus einem Jugendclub
Eine Jugendliche fällt immer wieder durch Kommentare auf, die Jugendliche mit Fluchtgeschichte beleidigen und herabwürdigen. Die Mitarbeiter*innen des Jugendclub haben deshalb schon oft Gespräche mit ihr geführt, aber bisher zeigen die Interventionen kaum Wirkung. Im Team wird diskutiert, ob die Jugendliche weiter in den Räumen geduldet werden kann. Einerseits sollen alle Jugendlichen sich im Club sicher und willkommen fühlen, andererseits fürchten die Mitarbeiter*innen, welche Folgen es für die Entwicklung der Jugendlichen haben könnte, wenn sie sich andere Orte als den Club suchen muss. Das Team würde gerne ein Angebot unterbreiten und nimmt dafür Kontakt mit Distanz e.V. auf. Gemeinsam wird eine konkrete und individuelle Ansprachestrategie beraten. Während Distanz e.V. einen Raum außerhalb des Clubs für die Umsetzung des Trainings organisiert gehen die Mitarbeiter*innen auf die Jugendliche zu. Sie machen transparent, dass ein Hausverbot wegen ihrer rassistischen Sprüche zur Diskussion steht, sie aber lieber ein Angebot unterbreiten wollen. Die Jugendliche wird gebeten, mit einem Mitarbeiter des Jugendclubs, ein erstes Treffen mit den Trainer*innen von Distanz e.V. zu besuchen. Dort benennt der Mitarbeiter den Anlass für das Training und verlässt nach der Vorstellung des Trainings das Treffen. Die Trainer*innen von Distanz e.V. fragen im ersten Treffen möglichst nach der Perspektive der Jugendlichen, ihren sonstigen Interessen, Hobbys und Herausforderungen im Alltag. Durch den respektvollen und lebensweltorientierten Umgang gelingt es den Trainer*innen die jungen Menschen vergleichsweise häufig für eine freiwillige Teilnahme am Training zu gewinnen.
Durch ihre Erfahrung im Umgang mit extrem rechts einstiegsgefährdeten und orientierten jungen Menschen entlasten die Trainer*innen von Distanz e.V. das Team des Jugendclubs. Die Trainer*innen können der Jugendlichen ein passendes Angebot unterbreiten und stehen dem Team des Jugendclubs außerdem für eine nachhaltige Entwicklung der Einrichtung zur Seite.



