Autor: Andi Heintzel

  • Distanzierungstraining

    Distanzierungstraining

    Distanz e. V. begleitet junge Menschen in Einzel- und Gruppentrainings dabei, sich von menschenfeindlichen und gewaltbefürwortenden Haltungen zu distanzieren. Durch jugendkulturelle, mediale und historische Interessen werden Lebensweltzugänge geschaffen und die Selbstwirksamkeit junger Menschen gestärkt. Das Distanzierungstraining ist eine Intensivpädagogische Maßnahme, die durchschnittlich ein Jahr andauert und die konstruktive Zukunftsgestaltung des jungen Menschen im Blick hat.

    Ziele des Distanzierungstrainings

    1. Distanzierung von Menschenverachtung
      • Reflexion menschenfeindlicher Einstellungen
      • Thematisierung diskriminierender Haltungen
      • Entwicklung menschenrechtsorientierter Perspektiven
    2. Reduktion von Gewalt
      • Bewusstmachen der Folgen aller Formen von Gewalt
      • Entwicklung gewaltfreier Konfliktlösungsstrategien
    3. Selbstwert und Reflexion
      • Förderung von Empathie und Perspektivwechsel
      • Stärkung der Selbstreflexion und Ambiguitätstoleranz
    4. Sinnstiftende Lebensperspektiven
      • Unterstützung bei der Zukunftsplanung und Freizeitgestaltung
      • Entwicklung alternativer Lebensentwürfe abseits menschenverachtender Ideologien

    Umsetzung

    Das Training ist aufsuchend und flexibel gestaltet, um die jungen Menschen in ihrer Lebenswelt niedrigschwellig zu erreichen. Durch Kooperationen mit Schulen aller Formate, Jugendämtern, Institutionen der Jugend(sozial)arbeit/ freien Jugendhilfe  gelingt ein beziehungsorientierter Zugang. Für jeden Fall werden individuelle Ansprachestrategien mit den betreuenden Fachkräften besprochen. Diese werden im Prozess und im Rahmen geltenden Datenschutzes an den Ergebnissen aus den Trainings beteiligt.

    Die Methodik des Trainings – der BRAKE-Ansatz

    B (Beziehung): Im Rahmen der Distanzierungstrainings versuchen wir, zu den Klient*innen eine pädagogische Beziehung zu etablieren. Eine tragfähige pädagogische Beziehung ist die Basis für jedes Training und bildet die Basis, um zu intervenieren. Nur in einer vertrauensvollen Beziehung werden die Teilnehmenden sich öffnen und damit Kritik reflektieren.

    R (Reflexion): Ziel ist es, bei den Klient*innen  Reflexionsprozesse anzuregen. Sie sollen dazu bewegt werden, sich selbst kritisch zu hinterfragen, Einsichten zu gewinnen und neue selbstgesteckte Ziele anzustreben. Diese Verfahrensweise trägt wesentlich zur Distanzierung von tieferliegenden menschenverachtenden Einstellungen bei.

    A (Aufsuchend): Der aufsuchende Aspekt ist von besonderer Bedeutung und prägt unsere Arbeit im gesamten Prozess. Grundlegend für unsere Herangehensweise ist, dass wir nicht ein Angebot bereitstellen, dass lediglich abgerufen werden kann, sondern, dass wir aktiv auf Klient*innen in spe zugehen. Das bedeutet konkret, dass die Arbeit nicht mit einer Distanzierungsmotivation beginnt, sondern Einstellungen von außen problematisiert werden. Dies erfordert eine enge Kooperation mit sensibilisierten Fachkräften im Alltag einstiegsgefährdeter junger Menschen.

    K (Kritik): Nicht zuletzt braucht es auch deutliche Kritik an den Ideologiefragmenten, Generalisierungen und Vorurteilen. Diese Kritik stellt die Beziehung jedoch nicht in Frage, sondern kann sie sogar stärken. In manchen Fällen wird sie auch dem jugendlichen Reibungsbedürfnis der Teilnehmenden gerecht und erzeugt damit Neugier an einer neuen Perspektive auf ein Thema. Mit Hilfe einer kritischen Haltung wird bewusst die Beziehungsebene genutzt, um zu vermitteln, dass einige Eigenschaften an der Person geschätzt werden. Bestimmte politischen Einstellungen wiederum werden problematisiert und/oder abgelehnt.

    E (Entwicklung): Bei den Teilnehmenden wird im Trainingsverlauf ein Entwicklungsprozess in Gang gesetzt, der eine weitere extrem rechte Sozialisation verhindern soll und möglichst neue Perspektiven für ein respektvolles Miteinander eröffnet. Distanzierungsprozesse sind schlussendlich als Transformationsprozesse der Identitätsbildung zu begreifen. Dies beinhaltet ein Menschenbild, das es allen zugesteht, sich zu verändern. Diesen Transformationsprozess wollen wir mit dem aufsuchenden BRAKE-Ansatz aktiv gestalten.

    Ein Einblick in unsere Distanzierungstrainings

    Praxisbeispiel aus einem Jugendclub

    Eine Jugendliche fällt immer wieder durch Kommentare auf, die Jugendliche mit Fluchtgeschichte beleidigen und herabwürdigen. Die Mitarbeiter*innen des Jugendclub haben deshalb schon oft Gespräche mit ihr geführt, aber bisher zeigen die Interventionen kaum Wirkung. Im Team wird diskutiert, ob die Jugendliche weiter in den Räumen geduldet werden kann. Einerseits sollen alle Jugendlichen sich im Club sicher und willkommen fühlen, andererseits fürchten die Mitarbeiter*innen, welche Folgen es für die Entwicklung der Jugendlichen haben könnte, wenn sie sich andere Orte als den Club suchen muss. Das Team würde gerne ein Angebot unterbreiten und nimmt dafür Kontakt mit Distanz e. V. auf. Gemeinsam wird eine konkrete und individuelle Ansprachestrategie beraten. Während Distanz e. V. einen Raum außerhalb des Clubs für die Umsetzung des Trainings organisiert gehen die Mitarbeiter*innen auf die Jugendliche zu. Sie machen transparent, dass ein Hausverbot wegen ihrer rassistischen Sprüche zur Diskussion steht, sie aber lieber ein Angebot unterbreiten wollen. Die Jugendliche wird gebeten, mit einem Mitarbeiter des Jugendclubs, ein erstes Treffen mit den Trainer*innen von Distanz e. V. zu besuchen. Dort benennt der Mitarbeiter den Anlass für das Training und verlässt nach der Vorstellung des Trainings das Treffen. Die Trainer*innen von Distanz e. V. fragen im ersten Treffen möglichst nach der Perspektive der Jugendlichen, ihren sonstigen Interessen, Hobbys und Herausforderungen im Alltag. Durch den respektvollen und lebensweltorientierten Umgang gelingt es den Trainer*innen die jungen Menschen vergleichsweise häufig für eine freiwillige Teilnahme am Training zu gewinnen.

    Durch ihre Erfahrung im Umgang mit extrem rechts einstiegsgefährdeten und orientierten jungen Menschen entlasten die Trainer*innen von Distanz e. V. das Team des Jugendclubs. Die Trainer*innen können der Jugendlichen ein passendes Angebot unterbreiten und stehen dem Team des Jugendclubs außerdem für eine nachhaltige Entwicklung der Einrichtung zur Seite.

    InfoKontakt
    Bei Interesse an einem Distanzierungstraining oder weiteren Informationen
    wenden Sie sich gerne an das Zentrum für Distanzierungsarbeit.

    Mehr Information zum BRAKE-Ansatz (PDF, ca. 1 MB)

    Infobroschüre Distanzierungstrainings (PDF, ca. 2,3 MB)

  • Distanzierungsarbeit

    Distanzierungsarbeit

    Distanzierungsarbeit setzt dort an, wo junge Menschen durch abwertende Vorurteile, menschenfeindliche Aussagen, Symbole oder Handlungen auffallen. Ziel ist es, ihre Hinwendung zu extrem rechten Weltbildern frühzeitig zu verhindern – bevor sich ein geschlossenes extrem rechtes Weltbild oder eine verfestigte Szenezugehörigkeit ausbildet.

    Hinwendungsprozesse sind Prozesse, die in ganz unterschiedlichen Phasen verlaufen, weshalb die Adressat*innen der Distanzierungsarbeit als extrem rechts gefährdet und orientiert beschrieben werden können. Das Spektrum dieser Zielgruppe vereint, dass die Adressat*innen noch nicht fest in eine extrem rechte Szene eingebunden sind, sich aber bereits an der extrem rechten Szene orientieren können. Die im Handlungsfeld gewonnenen Erfahrungen werden – einem Verständnis von Distanzierungsarbeit als pädagogischer Querschnittsaufgabe folgend – systematisch multipliziert: durch die fachliche Professionalisierung von Fachkräften mittels zielgerichteter Fortbildungsangebote sowie begleitender Beratungs- und Coachingformate. Die Fachkräfte schätzen hierbei die niedrigschwelligen und an den täglichen Bedarfen orientierten Angebote sowie das zügige Anbahnen von Distanzierungstrainings.

    Apfel mit Pfeil darin

    Warum ist Distanzierungsarbeit nötig?

    Distanzierungsarbeit gehört in die Breite und in den Querschnitt der Sozialen Arbeit.

    Menschenfeindliche Einstellungen und Handlungen haben in den letzten Jahren sichtbar zugenommen – häufig auch außerhalb organisierter Szenen. Populistische Diskurse verschieben gesellschaftlich und demokratisch legitimierte Normen, und auch junge Menschen übernehmen zunehmend abwertende Haltungen. Es ist wichtig, frühzeitig über menschenverachtende und demokratiefeindliche Einstellungsmuster ins Gespräch zu kommen. So lassen sich sowohl Betroffene vor weiterer Abwertung schützen als auch Radikalisierung und ein möglicher Einstieg in extrem rechte Strukturen vorbeugen.

    Wissenschaftlich fundierte Distanzierungsarbeit

    Die Distanzierungsansätze von Distanz e. V. wurden durch externe wissenschaftliche Begleitungen, unter anderem vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), systematisch untersucht. Im Mittelpunkt standen dabei Umsetzung, Zielgruppenansprache, Methoden und Wirkannahmen.

    Die Evaluationen bestätigen: Die Arbeit ist fachlich fundiert, wirksam und weiterentwicklungsfähig. Die Ergebnisse liefern eine belastbare Grundlage für die Qualitätssicherung und Zukunftsperspektiven in der aufsuchenden Distanzierungsarbeit.

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    Methodische Arbeitsweise

    Distanz e. V. arbeitet aufsuchend, lebensweltorientiert und jugendkulturell– sowohl on- als auch offline. Das Ziel ist, durch niedrigschwellige Ansprache sinnvolle Alternativen zu menschenfeindlichen Haltungen zu bieten und Reflexionsprozesse zu fördern. Dabei ist das Angebot offen für alle Milieus und es werden bewusst alle Gender in den Blick genommen. Zur Einschätzung möglicher Radikalisierung nutzt Distanz e. V. ein differenziertes Modell von Einstiegsgefährdung, das Orientierung anhand konkreter Einstellungen und Verhaltensweisen bietet.

    Erfahren Sie mehr über Distanzierungsarbeit und Radikalisierungsstufen im Bereich Publikationen.

  • Distanz e. V.

    Distanz e. V.

    Distanz – Distanzierungsarbeit, jugendkulturelle Bildung und Beratung – e. V. wurde 2019 in Weimar gegründet und ist seit 2020 Träger des Zentrum für Distanzierungsarbeit in Thüringen. Ziel ist die Distanzierung junger Menschen von extrem rechten und menschenfeindlichen Einstellungen.

    staatlich anerkannter Träger der Jugendhilfe

    Der gemeinnützige Verein ist ein anerkannter landesweiter Träger der Jugendhilfe nach §75 SGB VIII und arbeitet bundesweit, insbesondere mit Fokus auf Rechtsextremismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

    Vier symbolische Personen sitzen um einen Tisch mit EU-Sternen

    Distanz e. V. ist seit 2024 Mitglied des EU Knowledge Hub on Prevention of Radicalisation. Der Hub ist ein europaweites Netzwerk der Europäischen Kommission. Er bringt Fachkräfte und Forschende zusammen, um Wissen zur Prävention von Radikalisierung europaweit zu teilen und zu stärken. Mit seiner aufsuchenden, jugendkulturellen Distanzierungsarbeit bringt Distanz e. V. praktische Erfahrungen aus Thüringen in diesen europäischen Fachdialog ein.

    Expertise und Methoden

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    Das Team von Distanz e. V. verfügt über umfangreiche Erfahrung in der aufsuchenden Distanzierungsarbeit. Die Distanzierungsarbeit bezieht dabei vielfältige pädagogische Ansätze mit ein, darunter soziale, politische, medienpädagogische und jugendkulturelle Bildung sowie systemisch-lösungsorientierte, biografische und genderreflektierte Methoden. Diese Expertise wird über Beratungen, Coachings und Fortbildungen an Multiplikator*innen weitervermittelt.

    Vier Personen mit Linien verbunden

    Vernetzung und Kooperation

    Distanz e. V. kooperiert landes-, bundes- und europaweit mit Akteur*innen aus der Jugendhilfe/-arbeit, der Präventions- und Ausstiegsarbeit und mit Akteur*innen im politischen Bildungskontext. Ziel ist eine systematische Vernetzung zur Stärkung der Resilienz gegenüber Menschenfeindlichkeit, Demokratiedistanz und Rechtsextremismus.

    Distanz e. V. wirkt im alltäglichen Beratungskontext mit Pädagog*innen über die regionale Vernetzung mit diversen lokalen Regelstrukturen, wie Jugendämter, Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen bis hin zur europaweiten Zusammenarbeit im EU Knowledge Hub und verbindet so lokales Handeln mit transnationalem Austausch.

  • Projektarchiv

    Projektarchiv

    Ehemalige und weiterentwickelte Projekte von Distanz e. V.